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    DGB-Ausbildungsreport NRW 2020

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    DGB-Ausbildungsreport NRW 2020

    DGB-Ausbildungsreport NRW 2020 DGB DGB-Ausbildungsreport NRW 2020  – Schwerpunkt: Mobilität und Wohnen

    VORWORT

    Die duale Berufsausbildung bildet das stabile Fundament für den Start in das Arbeitsleben. Auf den vermittelten Kompetenzen kann ein Leben lang für die weitere berufliche Entwicklung aufgebaut werden. Die fehlenden Ausbildungsplätze von heute, sind die fehlenden Fachkräfte von morgen. Die Corona-Krise hat uns zudem vor Augen geführt: Viele Berufe der dualen Ausbildung sind für die Grundversorgung der Gesellschaft von besonderer Bedeutung. So sind zum Beispiel Fachinformatiker_innen in Zeiten mobilen Arbeitens für einen funktionierenden Bürobetrieb unverzichtbar, Kaufmänner oder -frauen im Einzelhandel stellen die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs sicher, medizinische Fachangestellte übernehmen innerhalb eines Praxisteams wichtige Funktionen der medizinischen Versorgung.

    Doch die duale Berufsausbildung ist in Gefahr. Die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist massiv eingebrochen. Unter dem Einfluss der Pandemie verschärft sich der Rückzug der Betriebe aus der dualen Berufsausbildung nochmals. Bereits in den letzten Jahren bildete nur noch knapp jedes fünfte Unternehmen aus. Dadurch steigt das Risiko der betroffenen Jugendlichen dauerhaft ohne jede berufliche Qualifikation zu verbleiben. Laut aktuellem BBiB Datenreport kann schon jetzt beinahe jeder fünfte Erwachsene im Alter zwischen 20 und 34 Jahren keinen Berufsabschluss vorweisen. Damit liegt NRW deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Doch ohne Berufsabschluss drohen oftmals prekäre Beschäftigung und Niedriglöhne. Angesichts der Pandemie haben wir frühzeitig einen Corona-Schutzschirm für die Ausbildung gefordert. Unsere Botschaft an die Landesregierung und die Arbeitgeber gilt weiterhin: Wir kämpfen um jeden Ausbildungsplatz! Daneben müssen die Arbeitgeber auch die Frage beantworten, wie die duale Ausbildung in Zeiten des Fachkräftemangels attraktiver gemacht werden kann. Die Auszubildenden formulieren in diesem Report klare Anforderungen: Gute Ausbildungsbedingungen und daran anschließend eine gute berufliche Perspektive, vernünftige Ausbildungsvergütung und generell die Möglichkeit zur Selbstständigkeit im Bereich Mobilität und Wohnen sind essentielle Bestandteile.

    Bereits zum dreizehnten Mal veröffentlicht die DGB-Jugend ihren Ausbildungsreport für Nordrhein-Westfalen und leistet damit einen wichtigen Beitrag in der Debatte um die Qualität der Berufsausbildung. Auch in diesem Jahr liefert der Report mit 5.427 befragten Auszubildenden, die wir noch vor dem coronabedingten Lockdown schriftlich befragt haben, eine fundierte Datengrundlage. Teilgenommen haben Jugendliche aus den 25 häufigsten Ausbildungsberufen. Ihre persönlichen Erfahrungen sind die Grundlage der Ergebnisse. Der Ausbildungsreport 2020 zeigt erneut: Gut 70 Prozent der Jugendlichen sind zufrieden mit ihrer Ausbildung. In vielen Berufen gibt es aber weiterhin gravierende Mängel bei der Ausbildungsqualität und dem Einhalten rechtlicher Vorgaben, so wird jedem siebten Azubi kein Ausgleich für angefallene Überstunden gewährt, obwohl dies gesetzlich Vorgeschrieben ist. Hier braucht es mehr und effektivere Kontrollen, um die seit langem bekannten Missstände zu beheben.

    Einmal mehr wird deutlich: Ausbildung ist besser mit Tarifvertrag und betrieblicher Mitbestimmung. Sowohl die Ausbildungsqualität als auch die Ausbildungsvergütung ist unter Tarifbedingungen deutlich besser als ohne Schutz durch Tarifverträge. Die Stärkung der Tarifbindung ist damit auch ein wichtiger Hebel zur Verbesserung der Ausbildungssituation vieler junger Erwachsener.

    Unsere Studie wirft in diesem Jahr einen besonderen Fokus auf die Mobilitäts- und Wohnsituation von Auszubildenden. Der Report zeigt: Zweidrittel der Auszubildende wollen ein selbständiges Leben in den eigenen vier Wänden. Doch die Ausbildungsvergütung reicht oft nicht zum Leben, geschweige denn für ein eigenes Zimmer in der Nähe des Ausbildungsortes. Damit sind viele Auszubildende weiterhin auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen und müssen im heimischen »Kinderzimmer« wohnen bleiben. Selbstbestimmung sieht anders aus. Dazu müssen so zum Teil lange Fahrtwege zum Betrieb in Kauf genommen werden. Das sorgt nicht nur für psychische Belastungen, sondern auch für zusätzliche Kosten.

    Mit der Einführung eines Azubitickets in ganz NRW wurde eine gewerkschaftliche Forderung aufgegriffen und ein erster Schritt getan. Es stößt in NRW auf großes Interesse, während die aktuelle Preisgestaltung und die Abdeckung mit dem ÖPNV weiterhin limitierende Faktoren bleiben. Verbesserungen und ein Ausbau des ÖPNV-Netzes sind daher wichtige Schritte dabei, jungen Menschen Mobilität zu ermöglichen und die notwendige Flexibilität auf dem Ausbildungsmarkt zu unterstützen.

    Damit nach der Corona-Krise nicht die Fachkräftekrise kommt, müssen alle ausbildungsinteressierten Jugendlichen eine qualifizierte Ausbildung erhalten. Sie dürfen nicht in Warteschleifen oder Schulungsmaßnahmen abgeschoben werden. Wir fordern die Umsetzung der gesetzlichen Ausbildungsgarantie, wie sie in Paragraf 6 der Landesverfassung angelegt ist!

    Fest steht: Die Arbeitswelt braucht gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte. Das gelingt nur mit einer qualitativ hochwertigen und attraktiv ausgestalteten Berufsausbildung. Sie muss junge Menschen begeistern, ihnen eine Perspektive nach der Ausbildung bieten und ihnen die notwendige Wertschätzung zukommen lassen, die sie verdienen. Dafür braucht es klare Weichenstellungen.

    Anja Weber
    Vorsitzende des DGB Nordrhein-Westfalen

    Eric Schley
    Bezirksjugendsekretär des DGB Nordrhein-Westfalen